Interpellation: Bildungsstandort OSTBELGIEN von morgen


Regierungskontrolle vom 14. Juni 2018 – Ausschuss III für Unterricht, Ausbildung und Erwachsenenbildung 

Interpellation von Herrn FRECHES (PFF) an Herrn Minister MOLLERS zum Thema „Bildungsstandort Ostbelgien von morgen“


Es ist ein Phänomen unserer Gesellschaft, dass das einzige Beständige im Leben das Unbeständige ist. So auch in der Lehr-, Lern- und Lebenswelt.

Die Digitalisierung macht vor keiner dieser Welten halt und revolutioniert Lernen und Erleben mit einer nie zuvor dagewesenen Geschwindigkeit. Noch nie in der Geschichte der Menschheit war der Zugang zu Wissen so einfach.

Der Umgang mit digitalen Lehr- und Lernformaten ist jedoch keine Selbstverständlichkeit und will gelernt sein. Hier gilt es bereits heute die Weichen für morgen zu stellen und auf den digitalen Zug aufzuspringen, wenn wir die Zukunft nicht verschlafen wollen.

Während die meisten Menschen dieser Entwicklung im privaten Umfeld Rechnung tragen, hat der Bildungssektor einige Schwierigkeiten hier Schritt zu halten.

Die Digitalisierung stellt nämlich nicht nur schlecht ausgestattete Schulen sondern das gesamte Bildungswesen vor enormen Herausforderungen. Unsere Schüler, aber auch unsere Lehrer, müssen sich – ob man es möchte oder nicht – mit dem Wandel hin zum digitalen Zeitalter auseinandersetzen und sich vor allen Dingen bereit zeigen, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Um es mit den Worten Christian Lindners zu sagen:

„Das Digitalste in den Schulen dürfen nicht die Pausen sein.“

Doch nicht nur die Digitalisierung wird ihren Einfluss auf die Schule von morgen haben.

Nein – neue Lernkonzepte müssen her, die den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden und in unserer heutigen Wissens- und Ideengesellschaft einen Platz finden.

Doch was brauchen junge Menschen, um die Welt von morgen zu verstehen? Welchen grundlegenden Veränderungen müssen wir uns stellen?

Heute kommt es nicht mehr direkt darauf an, was man lernt, sondern wie man lernt und wie man die uns zur Verfügung stehenden Instrumente intelligent einsetzt und nützt – Stichwort Lebenslanges Lernen.

 

Die Schule wird oftmals als Spiegel der Gesellschaft verstanden und beinhaltet neben dem Erwerb von Wissen auch die Vorbereitung auf das spätere Leben. Hier gilt es anzusetzen und den Schülern das nötige Rüstzeug mit auf ihrem späteren Lebensweg zu geben: Kenntnisse, aber auch Werte.

Lösungsorientiertes Denken und Handeln, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Social Skills, Anpassungsfähigkeit, Engagement, Verantwortungsbereitschaft aber auch die Lösung von oftmals unbekannten Problemen mit Kopf und Kreativität – darauf wird es vermehrt ankommen, wenn es heißt, aus unseren Kindern und Jugendlichen qualifizierte und gut ausgebildete Arbeitnehmer zu machen und sie somit optimal auf den Berufsalltag vorzubereiten.

Denn nicht zuletzt befassen wir uns hier mit dem Rohstoff der Zukunft: unseren Kindern.

 

Meine Damen und Herren,

In den letzten 20 Jahren hat die Hirnforschung beachtliche Erkenntnisse geliefert, die nicht nur Aufschluss über die Funktionsweise unseres Gehirns und unserer mentalen Fähigkeiten geben, sondern auch einen etwas detaillierteren Blick auf die Lernmaschine in unseren Köpfen erlauben.

Es handelt sich hier um Erkenntnisse, die Anfang des 20. Jahrhunderts noch undenkbar waren. Kein Wunder also, dass neurowissenschaftliche Töne im Bildungsbereich immer lauter werden und sich bemerkbar machen.

Jedes Gehirn ist verschieden – was wiederum im Umkehrschluss bedeutet, dass jeder Schüler auch anders lernt.

Professor Dr. Eckart von Hirschhausen bringt es auf den Punkt:

„Das Hirn ist ein Muskel, kein Schließmuskel“.

Unser Gehirn ist leider keine Festplatte, sondern basiert auf einem netzwerkförmigen Aufbau. Desto mehr Anknüpfungspunkte bestehen, desto besser fängt unser internes Fischernetz Informationen auf.

Interesse lautet hier das Stichwort, oder besser noch: Emotion!

Wenn die emotionalen Zentren in unserem Gehirn aktiviert werden, wird das Erwerben von neuem Wissen zum Kinderspiel und gar zur Freude.

 

Werte Kolleginnen und Kollegen,

Im Zentrum des politischen Handelns unserer Regierung steht das Regionale Entwicklungskonzept, kurz REK, welches klare Visionen für unsere Gemeinschaft formuliert und gezielt Schwerpunkte setzt. So auch für den Bildungsbereich.

Auf diesem Gebiet schenkt man der Kompetenzvermittlung und der Praxisnähe ein ganz besonderes Augenmerk. Kompetenzvermittlung heißt natürlich auch verbessertes Lern- und Unterrichtsverständnis.

Dazu würde ich Ihnen gerne einen kleinen Auszug aus dem besagten REK vorlesen, der die von der Regierung eingeschlagene Richtung sehr deutlich widerspiegelt:

Seit 2008 werden Rahmenpläne im Unterrichtswesen in der DG als Grundlage zur Unterrichtsentwicklung genutzt. Es gilt demzufolge auch weiterhin, die kompetenzorientierte Unterrichtspraxis kontinuierlich weiterzuentwickeln und sie mit einer kompetenzorientierten Leistung zu verbinden.“

Von fundamentaler, aber auch strategischer Bedeutung für unsere Gemeinschaft ist in den Augen der PFF der Ausbau unseres Bildungsstandortes – ja der Bildungsregion, der mit einer fortlaufenden und kontinuierlichen Qualitätsentwicklung in den Schulen einhergeht.

Bildung ist mehr als nur auswendig gelerntes Wissen. Das dürfte jedem einleuchten.

In diesem Sinne blockiert das Eintrichtern von Lernstoff, der meist rasch wieder vergessen wird, das Entwicklungs- und Entfaltungspotential unserer Schülerinnen und Schüler. Wir benötigen zukunftsorientierte Weichenstellungen im Unterrichtswesen, die unsere Jugendlichen fördern und fordern.

Das Grundlagendekret von 1998 bietet den Schulen bereits heute einen großzügigen Rahmen, Schule anders zu gestalten.

Doch werden diese Möglichkeiten auch völlig ausgeschöpft?

 

PISA-Vorzeigeland Finnland sorgt mit ihrer anvisierten „Phänomen-Reform“ weltweit für Schlagzeilen und lässt die Fachwelt aufhorchen.

Ein Land, welches seit Jahren international Anerkennung genießt und zu den Tabellenbesten im Bildungsbereich gehört, plant nun die Abschaffung der traditionellen Schulfächer und will hiermit seinen Vorsprung weiter ausbauen.

Zunächst gilt die radikale Beseitigung des Fächerkanons nur für die Oberstufe. Der Lehrplan wird entrümpelt und alltagsnahe Themenblöcke werden ins Leben gerufen. Auf diese Weise werden Themen und Ereignisse interdisziplinär in kleinen Gruppen bearbeitet. Gruppenarbeit statt Frontalunterricht lautet hier das Zauberwort.

Doch nicht nur das … Mit Blick auf ihren eigenen Interessen und ihren beruflichen Plänen können die Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt entscheiden und frei aus verschiedensten Angeboten wählen. Die Autonomie des Schülers erreicht hierdurch eine ganz andere Dimension.

Doch nicht nur der Schüler steht im Mittelpunkt der Reform – nein, auch die Lehrer werden durch eine fächerübergreifende Zusammenarbeit und Abstimmung ihrer Lehrpläne entlastet.

Sie sind demnach weniger Stress und Zwängen ausgesetzt, was wiederum das Burnout-Risiko sinken lässt und zu einem besseren Wohlbefinden am Arbeitsplatz führt.

An finnischen Schulen wird somit das traditionelle Unterrichtsmodell bald der Vergangenheit angehören und die Bildungswelt auf den Kopf gestellt.

Anders formuliert: Schubladendenken wird finnischer Schnee von gestern sein!

Doch was haben sich die Finnen dabei gedacht?

Ziel und Zweck der finnischen Bildungsreform ist es eine modernisierte Art des Lernens auf die Beine zu stellen und eine in die Jahre gekommene Form der Schule zu revolutionieren.

Die Reform wurde nicht auf einem Ministertisch niedergeschrieben, sondern ist mit der Hilfe und der Unterstützung von 60.000 befragten Schülern entstanden, die sich für eine aktivere Teilnahme aussprachen.

Bis 2020 soll das neue System, welches bereits seit 2 Jahren an einigen Schulen ausprobiert wird, Schritt für Schritt eingesetzt werden. Weltweit wird die Umsetzung mit Spannung verfolgt und Länder wie Großbritannien haben bereits Interesse gezeigt.

Meine Fragen nun an Sie, werter Herr Minister:

  • Wie weit ist die ostbelgische Bildungslandschaft im Bereich der Digitalisierung?
  • Inwiefern wird der Einsatz digitaler Medien und Technologien in der Lehrerausbildung an der AHS vermittelt?
  • Ist der Umgang mit digitalen Formen Teil der Ausbildung für das Lehramt an der AHS?
  • Werden Weiterbildungen für interessierte Lehrer auf dem Gebiet der Digitalisierung angeboten?
  • Intensive Gespräche mit den Beteiligten haben zu der finnischen Bildungsreform geführt, die die Meinung von 60 000 Schülern reflektiert. Gedenkt man ebenfalls in Ostbelgien eine flächendeckende Befragung der Akteure auf dem Terrain und den Schülern durchzuführen, um die Schulentwicklung in Ostbelgien voranzutreiben? Schließlich erlaubt die Kleinheit der DG neue Lehr- und Lernmethoden zu erproben und die daraus resultierenden Resultate zügig zu messen und zu identifizieren.
  • Der Wunsch der Finnen war es, eine in die Jahre gekommene Form der Schule zu revolutionieren. Wäre die Abschaffung der traditionellen Fächer nach dem neuen finnischen Modell eine Überlegung für Ostbelgien? Passt diese Reform in das ostbelgische Schulsystem hinein?
  • Hauptaugenmerk wird im Bildungsbereich vor allen Dingen auf die Regelschule gerichtet. Welche Ansätze neuer Bildungsmethoden könnten in die Duale Ausbildung einfließen?
  • Zur Dualen Ausbildung: könnte hier laut über die Möglichkeit des Zugangs der Lehre im Alter ab 14 Jahren nachgedacht werden? Viele Jugendliche, die sich eher für ein Handwerk interessieren, könnten wieder früher zur betrieblichen Ausbildung herangeführt werden.
  • Von der Grundschule zur Sekundarstufe … In Anbetracht der Tatsache, dass laut REK die « Übergänge von der Primarschule in die Sekundarschule möglichst nahtlos verlaufen sollen », stellte sich mir ebenfalls die folgende Frage: wie lässt sich der besagte Übergang in Zukunft sanfter und bruchloser gestalten?

 

 


Die Antwort des Ministers folgt in Kürze.