Wir fragen nach! Wie sieht es mit der Schulverweigerung in Ostbelgien aus?!

Kein Bock auf Schule – das kommt uns allen bekannt vor. Nichtsdestotrotz herrscht bei uns in Belgien Schulpflicht. Alle Kinder sind gesetzlich verpflichtet, ab dem 6. Lebensjahr zur Schule zu gehen und bis zu einem Alter von 18 Jahren einem Unterricht zu folgen. Wenn Schüler aber nun entschieden und nachdrücklich Schule und Lehrer ablehnen und es zu einer sogenannten Schulverweigerung kommt, schrillen die Alarmglocken. Oftmals wird die Verweigerungshaltung erst spät bemerkt, was eine Wiedereinführung in das Schulsystem nicht gerade erleichtert.

Klar ist, dass das dauerhaft unentschuldigte Fernbleiben vom Unterricht ein gravierendes Problem darstellt, welches den eingeschlagenen Bildungsweg, ja die Zukunft der Kinder und Jugendliche direkt aufs Spiel setzt.

Am 9. Februar 2018 berichtete das ARD-Morgenmagazin über ein interessantes Projekt der Caritas-Hamm, welches Schulverweigerer wieder zurück in die Schule führt. Ziel des Projektes „Return – die 2. Chance“ ist es, schulmüde Kinder und Jugendliche zum regelmäßigen Schulbesuch zu bewegen und sie wieder in den Schulalltag zu integrieren.

Meine Fragen nun hierzu:

  • Wie geht man in Ostbelgien mit der Thematik Schulverweigerung um? Wie viele Schulverweigerer gibt es in ganz Ostbelgien?
  • Wie werden Schulverweigerer in Ostbelgien aufgefangen?

 

PFF Schulverweigerung

 

Antwort des Ministers:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
werte Kolleginnen und Kollegen,
Die Thematik der Schulverweigerung hängt naturgemäß mit den artverwandten Fragen der Schulmüdigkeit, des Schulrückstands oder des Schulabbruchs zusammen, deren eingehende Behandlung den Rahmen dieser Sitzung sprengen würde.

Ausschlaggebend für die „Schulverweigerung“ ist zunächst der Nachweis einer fortlaufenden Abwesenheit des Schülers von den Unterrichtsaktivitäten.
Was die Kontrolle der Schuleinschreibungen oder der Abwesenheiten von schulpflichtigen Schülern angeht, so gilt folgende Prozedur:
Die Schule kontrolliert die Abwesenheiten bis zu einer gewissen Anzahl halber Tage und meldet bei Überschreiten dieser Anzahl der Schulinspektion die Abwesenheit.
In der Schulordnung wird festgelegt, wie oft die Abwesenheit durch die Eltern oder den volljährigen Schüler gerechtfertigt werden kann.
Auf keinen Fall werden 8 halbe Tage unter- und 30 halbe Tage überschritten. (vgl. Erlass der Regierung vom 10. Februar 2000 über den Schulbesuch).
Die Schulinspektion schreibt bei einem Problem die Erziehungsberechtigten an und lädt sie gegebenenfalls zu einem Gespräch ein, bei dem an Lösungen gearbeitet werden soll. Erst wenn alle anderen denkbaren Hilfestellungen erfolglos bleiben, wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Parallel hierzu wird ebenfalls die Kontrolle der Schuleinschreibung schulpflichtiger ostbelgischer Kinder an Schulen im In- und Ausland vorgenommen.
Das ist also die sogenannte Schulpflichtkontrolle.

Schaut man sich nun die Statistiken an, sind etwa im Schuljahr 2016-2017 insgesamt 79 Schüler (vorwiegend aus dem Sekundarschulwesen) von der Schulinspektion kontrolliert worden.
In den meisten Fällen hat sich nach dem 1. oder dem 2. Brief der Schulinspektion an die Erziehungsberechtigten die Lage normalisiert.

Lediglich in 13 Fällen musste die Akte der Staatsanwaltschaft beziehungsweise der zuständigen Bezirksregierung in Köln oder dem Schulamt in Aachen, insofern die betroffenen Schüler einen deutschen Wohnsitz hatten, überstellt werden.
Bei einer Gesamtschülerzahl von 12.576 Einheiten im entsprechenden Schuljahr kann man folglich von einem äußerst geringen Proporz von „Schulverweigerern“ ausgehen.

Wie werden Schulverweigerer in Ostbelgien aufgefangen?
Im ostbelgischen Unterrichtswesen werden neben der differenzierten Ausrichtung der Ausbildungsformen seit geraumer Zeit auch strukturelle Antworten auf die Phänomene der Schulmüdigkeit, der Schulverweigerung und des Schulabbruchs gegeben:

• Ein Teilzeitunterricht, der im Rahmen des berufsbildenden Regelsekundarschulwesens organisiert wird, trägt alternativ zu Lehre und Regelsekundarschule zur Ausbildung abbruchsgefährdeter Schüler bei.

• Das ESF-Projekt „Berufliche Integration durch Ausbildungsbegleitung in der Dualen Ausbildung“ beugt durch gezielte Präventionsmaßnahmen Lehrvertragsbrüchen vor. Neben der Schaffung der Vorlehre finden diverse Maßnahmen zur Begleitung und Orientierung von Lehrlingen vor und nach Vertragsbruch statt.

• Auch die im Dekret vom 20. Juni 2016 über Maßnahmen im Unterrichtswesen eingeführten Formen des Nachteilsausgleiches und des Notenschutzes wirken Schulmüdigkeit und Schulabbruch entgegen, da sie individuell zugeschnittene Hilfestellungen für Schüler mit verschiedenen Formen von Beeinträchtigung anbieten.

• Schließlich sei auch noch auf das Time-Out-Projekt verwiesen, für das die Regierung im „Sammeldekret 2018“ eine gesetzliche Grundlage schaffen wird.
Es handelt sich hierbei um eine Initiative des Zentrums für Förderpädagogik (ZFP), die bereits seit einigen Jahren erfolgreich funktioniert.
Das Time-Out-Konzept fußt auf der Feststellung, dass Jugendliche, die über einen längeren Zeitraum sowohl in der Schule, als auch in ihrem sozialen Umfeld unter Stress stehen und meist multiplen Belastungen ausgesetzt sind, eine Auszeit benötigen, um den Teufelskreis von Misserfolg, Frust und Perspektivlosigkeit zu unterbrechen.
Dies geschieht mit dem Ziel, diese Jugendlichen wieder in die Schule zurückzuführen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Zusatzinfo: Schulabbrecherquote

Die Frage nach dem Phänomen des Schulabbruchs ist schwieriger zu beantworten: Tatsächlich verwalten unsere Schülerdatenbanken die eingeschriebenen Schüler. Verlässt ein nicht-schulpflichtiger Schüler eine der ostbelgischen Sekundarschulen, schließt das nicht aus, dass er anderswo die Sekundarschule besucht und ein Diplom erlangt.

Die Abfrage von Daten dieser Schülerdatenbanken kann folglich nicht dazu dienen, die „Schulabbrecherquote“ für unsere Gegend verlässlich zu ermitteln.

Die Schulabbrecherquote wird allerdings im Rahmen der europaweit stattfindenden Arbeitskräfteerhebung (AKE) ermittelt, jedoch nicht ohne ähnliche Schwierigkeiten. Die folgenden Zahlen betreffen das Jahr 2016 und ordnen die ostbelgischen Gegebenheiten etwa in den innerbelgischen Durchschnitt ein.

Tatsächlich liegt der Mittelwert der sogenannten „interruptions prématurées de scolarité“ in Ostbelgien bei 10,21%, allerdings bei Schwankungen zwischen 6,56% und 13,85%, was einen vorsichtigen Umgang mit diesen Zahlen erfordert.
Für die Zahlen des Jahres 2017 wurde die Umfrage belgienweit umgestellt und es bleibt zu hoffen, dass wir in Zukunft über aussagekräftigere Statistiken verfügen.