Sprechen Sie belgisch ?! – Resolutionsvorschlag zur Förderung der Mehrsprachigkeit

 


Plenarsitzung vom 29. Mai 2017

Rede von Gregor Freches zum Resolutionsvorschlag zur Förderung der Mehrsprachigkeit


 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrter Herr Parlamentspräsident,
sehr geehrte Frau Ministerin,

sehr geehrte Herren Minister,

sehr geehrte Mitglieder dieses Hauses,

 

folgendes ist einigen von Ihnen mit Sicherheit auch schon widerfahren:

 

Sie sind im Urlaub oder auf Geschäftsreise und begegnen einem deutschen Touristen.

 

Sie kommen in’s Gespräch und relativ schnell stellt sich die Frage nach Ihrer Herkunft.

 

Und bei der Antwort „Belgien“ kommt folgende Gegenfrage meist wie aus der Pistole geschossen: „Sprechen Sie denn auch Belgisch?“

 

Meine Damen und Herren,

 

wenn es um die Landessprache geht, ernten wir Belgier von unseren europäischen Nachbarn teils neidvolle Blicke, teils Verwunderung und teils Unverständnis.

 

Unverständnis darüber, dass wir in einem so kleinen Land drei Sprachen lernen müssen.

 

Verwunderung darüber, dass wir in einem so kleinen Land drei Sprachen lernen können.

 

Und Neid, weil wir in einem so kleinen Land drei Sprachen lernen dürfen.

 

„Wer viele Sprachen spricht, hat viele Schlüssel für ein Schloss.“ Das sagte der französische Philosoph Voltaire schon vor rund dreihundert Jahren.

 

Und wenn Sie mich fragen, trifft dieser Satz heutzutage vielleicht mehr denn je zu.

 

Moderne Kommunikationsmittel erlauben uns den Luxus, jederzeit und überall mit der ganzen Welt in Verbindung zu stehen.

 

Der Traum vom Reisen in die ganze Welt ist heute für viele Menschen greifbar und lebbar geworden.

 

Und in einem Grenzgebiet wie Ostbelgien merken wir das Überschreiten der Ländergrenzen nur noch an einem Blick auf die Handy-Rechnung.

 

Und selbst das ist in rund zwei Wochen Geschichte.

 

In dieser Welt, in der selbst die weit entfernten Länder nah und erreichbar scheinen, ist Mehrsprachigkeit nicht mehr nur ein Plus.

 

Nein, sie ist längst unerlässlich geworden.

 

Die eigene Muttersprache bildet stets den Grundstein für die sprachliche Entwicklung der Menschen.

 

Und wir haben das Privileg in einem Land mit gleich drei Muttersprachen groß zu werden.

 

Drei Sprachen, die allesamt ihren Platz haben. Drei Sprachen, die uns einzigartig machen.

 

Liebe Kollegen,

 

um diese Sprachen in Ostbelgien zu fördern und zu stärken, hat die PFF die Initiative für den vorliegenden Resolutionsvorschlag ergriffen.

 

Denn wir sehen die drei Landessprachen nicht als Problem oder als Hindernis, sondern als Chance, die es zu nutzen gilt.

 

Deshalb freut es mich umso mehr, dass die Kollegen aller Fraktionen im Ausschuss drei aktiv und zielorientiert an diesem Resolutionsvorschlag gearbeitet haben.

Das gilt für die Kollegen der Mehrheit ebenso sehr wie für die Kollegen der Opposition.

Und ich möchte mich an dieser Stelle auf’s Herzlichste bei allen Akteuren bedanken.

 

Wir sprechen in dieser Resolution ganz bewusst von der Förderung aller drei Landessprachen.

 

Dazu gehören eben nicht nur Deutsch und Französisch, sondern auch Niederländisch. Eine Sprache, die meiner Meinung nach in der Vergangenheit nicht die Beachtung bekommen hat, die sie verdient.

 

Denn auch wenn Französisch schon aufgrund der Zugehörigkeit der DG zur Wallonischen Region zurecht den Platz als erste Fremdsprache einnimmt, so darf Niederländisch als Muttersprache der größten belgischen Kulturgruppe keinesfalls vernachlässigt werden.

 

Um eine ganzheitliche und langfristige Stärkung der Landessprachen zu erreichen, brauchen wir ein Konzept, dass alle Bereiche der Bildung mit einbezieht.

 

Das geht von Pilotprojekten bilingualer Kindergarten- und Schulklassen über entsprechende Austauschprogramme bis zu einer fundierteren sprachlichen Ausbildung der Lehrkräfte an der AHS.

 

Auf dem Grundstein, der im Kindergarten und Primarschule gelegt wird, muss man in der Sekundarschule und auch in der beruflichen Ausbildung oder dem Studium aufbauen.
Deswegen ist es der PFF-Fraktion besonders wichtig, auch den Mittelstand in das Konzept der sprachlichen Förderung mit einzubinden.

 

Denn die Mehrsprachigkeit stellt heute mehr denn je ein unwahrscheinlich wichtiges Kapital auf dem Arbeitsmarkt dar.

 

Und wenn wir die Möglichkeit haben, unseren Schülern, Studenten und Auszubildenden dieses Kapital mit auf den Weg zu geben, wäre es ein furchtbares Vergehen, das nicht zu tun.

 

Werte Mitglieder dieses Hauses,

 

wenn es um Entscheidungen geht, die wir in diesem Parlament zu treffen haben, stellt sich häufig die Frage nach der Nachhaltigkeit unserer politischen Handlungen.

 

Welchen Einfluss haben unsere Entscheidungen auf die Zukunft? Was bringen wir in’s Rollen? Wie vorausschauend haben wir gedacht?

 

Bei der Förderung unserer Landessprachen kann es jedoch keine zwei Meinungen geben.

 

Die gezielte Investition in die Mehrsprachigkeit ist immer eine langfristige Investition in unsere gesellschaftliche und kulturelle Zukunft.

 

Mehr denn je, ist es unsere Pflicht den zukünftigen Generationen diesen Trumpf der Mehrsprachigkeit weiter zu ermöglichen – diesen Mehrwert zu erhalten.

 

Hier zählt es – auch im Hinblick auf die Förderung des Wirtschaftsstandortes OSTBELGIEN – unsere Jugendlichen davon zu überzeugen, dass das Erlernen mehrerer Sprachen die berufliche Zukunft wesentlich erleichtern kann (vielleicht auch das Elternhaus!)

 

Von der Bildung hin zur Beschäftigung, auf diesen Leitsatz müssen wir ab heute und für morgen mehr denn je den Fokus legen.

 

Deshalb hoffe ich, dass Sie alle, werte Kollegen, dieser Resolution zustimmen.

 

Damit auch in Zukunft von unseren europäischen Nachbarn Neid, Verwunderung und Unverständnis ernten.

 

Vielen Dank,

Gregor FRECHES

Fraktionsvorsitzender der PFF im PDG

 

MV